Tilla Künzli

Tilla Künzli steht im grünen Garten.

«Kreative Umweltsensibilisierung» nennt Tilla Künzli ihr Schaffen. Als Künstlerin verbindet sie mit fahrbaren Biogemüsebeeten oder mit einer Kleiderausleihe alltägliche Bedürfnisse mit nachhaltiger Entwicklung. All ihren Projekten gemein ist: Sie machen Spass.

Mit genialen Ideen gegen die Gleichgültigkeit

Wie kann es sein, so fragte sich Tilla Künzli eines Tages im Supermarkt, dass alle erdenklichen Lebensmittel in den Regalen liegen – «und doch ist nichts darunter, was ich mit Lust und gutem Gewissen essen würde?» Tomaten, die nach Tomaten schmecken, zum Beispiel. Kartoffeln, die ohne Kunstdünger- und Pestizidgaben heranwuchsen, Bohnen, die nicht schon Hunderte von Kilometern gereist sind.

Der Keinkaufswagen

Die Kunststudentin entschloss sich, daran etwas zu ändern. «Keinkaufswagen» nennt sich die Abschlussarbeit ihres Masterstudiums in Basel von 2011. Die 26-Jährige transformierte 230 ausrangierte Einkäufswägeli in fahrbare Demeter-Gemüsebeete für die Stadtbevölkerung. Ein Volltreffer! Es war eine bunte Mischung von Menschen, die erschien, um die Wägeli gemeinsam umzubauen und dann begeistert einen dieser Kleinstgärten mit Setzlingen bestückt nach Hause zu schieben – als rollenden Denkanstoss, sozusagen.
Das war der Auftakt. Der Verein Urban Agriculture Basel entstand, der inzwischen über fünfundvierzig autonom laufende Stadtgartenprojekte umfasst. Doch Tilla Künzli geht es nicht nur ums Gärtnern an sich, sondern um mehr. Ihren Beruf, der daraus entstanden ist, nennt sie «kreative Umweltsensibilisierung»: Projektideen entwickeln, Mittel auftreiben, hinter den Kulissen die nötige Koordination übernehmen, damit Interessierte eigenständig handeln und Verantwortung übernehmen können. Bei sieben Vereinen und Organisationen hat sie Einsitz im Vorstand. Sie hat sich entschieden, ihre Kreativität in drei alltagsnahen Bereichen für nachhaltige Entwicklung einzusetzen: Lebensmittel, Kleider und Musik: «Es ist mir ein Anliegen, unser Leben so zu gestalten, dass es für andere weniger Leiden verursacht.»

Bibliothek für Kleider

Den Projekten ist gemeinsam, dass sie Spass machen, Menschen zu Aktivitäten zusammenbringen und – hier spielt der Umwelteffekt – vorhandene Ressourcen nutzen. Bei «Kleihd» zum Beispiel, einer Art Bibliothek für Kleider, kann man unbenutzt im Schrank hängende Stücke andern Menschen zur Verfügung stellen. Statt die Konsumspirale mit einem Frustkauf anzuheizen, setzt man dort auf eine «Frustausleihe».
Sich selbst sieht Tilla Künzli nicht als grünen Superstar, der über jede Kilowattstunde Buchhaltung führt. Wie viel Energie ihre Dreier-WG verbraucht, müsste sie nachschauen. Statt Energiesparlampen stecken meist Glühbirnen in den Fassungen und die beiden Mitbewohner neigen dazu, das Thermostat an den Heizkörpern hochzudrehen, wenn Tilla Künzli ihn heruntergeschraubt hat. Doch die Kaffeemühle wird von Hand gedreht, Abwaschmittel und Shampooflaschen werden nachgefüllt, die Waschmaschine kriegt die Kleider auch im Energiesparmodus sauber. In der Stadt fährt sie Velo, geht es weiter weg, nimmt sie den Zug. Und wenn die WG Lautsprecherboxen braucht, so fragt sie Bekannte, ob welche anderswo ungebraucht rumstehen. «Es gibt doch fast alles schon, irgendwo bei irgendwem».

Balkendiagramm zum Energiekonsum von Tilla Künzli verglichen mit dem Konsum Schweiz

Energiekonsum in Watt pro Jahr von Tilla Künzli im Vergleich zum Schweizer Durchschnittsverbrauch

Wandergärtnerin in der Stadt

Vier bunt gekleidete Erwachsene und zwei Kinder stehen mit drei Einkaufswagen, in denen Gemüse angepflanzt ist, an der Basler Schifflände.

Begonnen hat alles mit dem Keinkaufswagen. In den letzten Monaten hat der von Tilla Künzli mitbegründete Verein Urban Agriculture Basel über 800 Anfragen aus der Bevölkerung beantwortet: Welche Tomaten eignen sich für den Balkon? Wo beziehe ich Setzlinge? Nun möchte er eine Koordinationsstelle mit Wandergärtnerin für die mittlerweile schon über vierzig angeschlossenen Stadtgartenprojekte schaffen.
 

Teilen statt kaufen

Kleine Abziehbilder, auf denen Alltagsgegenstände abgebildet sind wie Bügeleisen, Fondue-Caquelon, Bücher.

Wozu eine Bohrmaschine kaufen, wenn der Nachbar schon eine hat? Ein Fondue-Set, Schneeschuhe, ein Schlauchboot oder den Feldstecher für die nächste Bergwanderung? Tilla Künzli kann ein Auto von Freunden benutzen, wenn sie schwere Sachen transportieren muss. Und wenn Sie etwas Bestimmtes braucht, tut sie das auf Facebook als Statusmeldung ihren Freunden kund. Eine gute Möglichkeit sind auch die Sticker von Pumpipumpe. Man klebt das Symbol des entsprechenden Geräts auf den Briefkasten und die Nachbarn sehen, was man ausleihen würde.
 

Die Selbernähfabrik

Logo der Textilpiazza

In den alten Fabrikhallen des Textilherstellers Hanro in Liestal steht ein professionelles Nähatelier all jenen offen, die ihre Kleider flicken oder selber nähen, statt ab Stange kaufen wollen. Die Nutzung ist ab zehn Franken pro Stunde möglich, auch Ateliers für Textilschaffende sind im Angebot. Tilla Künzli, die einst Kostüme aus gebrauchten Teebeuteln oder Luftpolstern aus der Mülltonne als Bachelorarbeit vorlegte, organisiert vor Ort das Textilpiazza-Festival, das am 15. November 2014 über die Bühne geht.